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Angrasen im Frühjahr – warum Pferde langsam an frisches Gras gewöhnt werden sollten.

  • Julia Thaidigsmann
  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Die ersten warmen Tage im Frühjahr bringen für viele Pferdehalter einen besonderen Moment: Die Weiden werden wieder geöffnet. Nach einem langen Winter im Stall oder auf Winterpaddocks dürfen die Pferde endlich wieder frisches Gras fressen.


Die Freude darüber ist groß – sowohl bei den Menschen als auch bei den Pferden. Nicht selten beginnt die Koppelsaison dann direkt mit einer Stunde Weidegang oder sogar noch länger. Aus menschlicher Sicht wirkt das zunächst harmlos. Schließlich frisst ein Pferd auf der Weide ja „nur Gras“.


Für den Verdauungstrakt des Pferdes bedeutet dieser erste Weidegang jedoch eine sehr abrupte Veränderung. Genau deshalb ist das sogenannte Angrasen im Frühjahr ein wichtiger Bestandteil der Pferdegesundheit.


Der Darm des Pferdes ist ein empfindliches System


Ein großer Teil der Verdauung des Pferdes findet im Blinddarm und im Dickdarm statt. Dort leben Milliarden von Mikroorganismen – vor allem Bakterien –, die gemeinsam das sogenannte Darmmikrobiom bilden.


Diese Mikroorganismen übernehmen eine zentrale Aufgabe: Sie zersetzen die pflanzlichen Bestandteile der Nahrung und machen sie für das Pferd überhaupt erst verwertbar. Ohne diese Mikroorganismen könnte ein Pferd seine Nahrung nicht effektiv nutzen.


Entscheidend ist dabei: Dieses mikrobielle Ökosystem passt sich immer genau an das Futter an, das ein Pferd regelmäßig bekommt.


Während der Wintermonate besteht die Hauptfutterquelle meist aus Heu. Dadurch dominieren im Darm vor allem Bakterien, die auf die Verdauung von strukturreicher Rohfaser spezialisiert sind. Dieses Gleichgewicht ist stabil – solange sich die Futtergrundlage nicht plötzlich verändert.


Frühlingsgras ist ernährungsphysiologisch etwas völlig anderes


Frisches Weidegras im Frühjahr unterscheidet sich deutlich von Heu.

Junges Gras enthält:


  • deutlich mehr Zucker und Fruktan

  • mehr Eiweiß

  • weniger Rohfaser

  • viele leicht verdauliche Kohlenhydrate


Gerade im Frühjahr können die Zucker- und Fruktangehalte besonders hoch sein. Gräser produzieren diese Stoffe als Energiereserven, vor allem bei sonnigen Tagen und kühlen Nächten.


Für das Verdauungssystem des Pferdes bedeutet das eine völlig andere Zusammensetzung der Nahrung. Der Darm muss sich also an eine neue Art von Futter anpassen.


Was im Darm passiert, wenn die Umstellung zu schnell erfolgt


Frisst ein Pferd nach dem Winter plötzlich große Mengen frisches Gras, gelangen viele leicht verdauliche Kohlenhydrate in den Dickdarm.


Dort beginnen bestimmte Bakterien diese Stoffe sehr schnell zu fermentieren. Dabei entstehen große Mengen Gas und organische Säuren.


Das kann mehrere Folgen haben:


  • der pH-Wert im Darm verändert sich

  • Teile der bisherigen Darmflora sterben ab

  • andere Bakterien vermehren sich plötzlich stark


Diese Störung des mikrobiellen Gleichgewichts wird als Dysbiose bezeichnet.

Die möglichen Folgen reichen von Verdauungsproblemen bis zu ernsthaften Erkrankungen:


  • Blähungen

  • Durchfall oder Kotwasser

  • Koliken

  • Stoffwechselbelastungen

  • erhöhtes Risiko für Hufrehe


Besonders problematisch ist, dass beim Absterben bestimmter Darmbakterien Endotoxine freigesetzt werden können. Diese gelangen über die Darmwand in den Blutkreislauf und können entzündliche Prozesse im Körper auslösen.


Anpassung braucht Zeit


Die gute Nachricht ist: Der Pferdedarm kann sich an neue Futterquellen anpassen.


Allerdings geschieht das nicht innerhalb weniger Stunden. Die Zusammensetzung der Darmflora verändert sich langsam. Neue Bakterienarten müssen sich vermehren, während andere zurückgehen.


Dieser Anpassungsprozess dauert meist mehrere Wochen.


Genau deshalb sollte auch die Weidezeit Schritt für Schritt gesteigert werden. Viele Stallkonzepte beginnen mit wenigen Minuten frischem Gras und verlängern die Zeit dann täglich in kleinen Schritten.


Parallel dazu sollte weiterhin ausreichend Heu zur Verfügung stehen. So bleibt die Rohfaserversorgung stabil, während sich der Darm langsam an das neue Futter gewöhnen kann.


Der Blick auf das natürliche Verhalten


In freier Wildbahn würden Pferde den Übergang zum frischen Gras deutlich langsamer erleben.


Im Frühjahr wachsen zunächst einzelne junge Halme zwischen dem alten Wintergras. Pferde beginnen, diese langsam in ihre Nahrung zu integrieren. Über mehrere Wochen verändert sich die Futterzusammensetzung ganz allmählich.


Der abrupte Wechsel von Heu zu großen Mengen frischem Gras ist also eher ein Produkt unserer Haltungsbedingungen.


Mein Fazit


Das Angrasen im Frühjahr ist kein übervorsichtiger Trend, sondern ein wichtiger Bestandteil der Pferdegesundheit.


Der Verdauungstrakt des Pferdes muss sich von einer rohfaserreichen Winterfütterung auf energiereiches Frühlingsgras umstellen. Ohne diese Anpassungsphase kann das empfindliche Gleichgewicht im Darm gestört werden – mit möglichen Folgen von Verdauungsproblemen bis hin zu Hufrehe.


Langsames Angrasen bedeutet daher vor allem eines: dem Pferdedarm die Zeit zu geben, die er braucht.


Übungstipp:


Die ersten Tage der Weidesaison können eine gute Gelegenheit sein, eure gemeinsame Zeit bewusst ruhig zu gestalten. Nicht jede Begegnung mit dem Pferd muss ein Trainingsziel haben oder in eine Übung münden. Gerade das Angrasen ist ein schöner Moment, um einfach gemeinsam Zeit auf der Wiese zu verbringen.


Während dein Pferd in Ruhe frisst, stehst du einfach dabei, beobachtest es oder genießt selbst einen Moment der Ruhe. Für viele Pferde entsteht so eine sehr entspannte Situation: Sie dürfen fressen und fühlen sich gleichzeitig durch deine Präsenz begleitet.


Versuche einmal ganz bewusst, in dieser Zeit wirklich bei deinem Pferd zu sein – ohne Handy und ohne andere Ablenkung. Das fällt uns heute oft erstaunlich schwer. Gleichzeitig ist es eine schöne Übung, wieder mehr im Hier und Jetzt anzukommen und sich ganz auf diesen gemeinsamen Moment einzulassen.


Solche Augenblicke ohne Leistungsanspruch können die Beziehung oft mehr stärken als ein strukturiertes Training.


Sanft vom Gras weggehen


Eine kleine Herausforderung entsteht häufig in dem Moment, in dem das Pferd wieder vom Gras weggeführt werden soll. Wenn ein Pferd gerade frisches Gras frisst, ist seine Motivation verständlicherweise sehr hoch, genau dort zu bleiben.


Statt stärker am Strick zu ziehen, kann es helfen, eine andere Form der Bewegung einzuladen.


Eine Möglichkeit ist, dein Pferd zunächst seitlich in Bewegung zu bringen. Eine leichte seitliche Anfrage – zum Beispiel über eine kleine Vorhandwendung oder ein weiches Verschieben der Schulter – unterbricht oft den Fokus auf das Gras. Sobald dein Pferd einen Schritt mitgeht, kannst du die Bewegung direkt nach vorne aufnehmen und ruhig losgehen.


Wie kannst du verhindern, dass dein Pferd künftig ständig zum Gras zieht?


Beim Spazierengehen ist es oft so, dass Pferde immer wieder versuchen, den Kopf zum Gras zu senken. Das ist auch verständlich – frisches Gras ist schließlich sehr verlockend.

Damit dein Pferd unterscheiden kann, wann es fressen darf und wann nicht, braucht es vor allem Klarheit von dir.


Wenn mein Pferd an einer Stelle Gras fressen darf, halte ich bewusst an, bitte es von vorne zwei bis drei Schritte rückwärts und senke dann das Seil zum Boden. Das ist für mein Pferd das Signal: Jetzt darfst du fressen.


Durch dieses kleine Ritual lernt das Pferd mit der Zeit, dass Grasfressen nicht einfach zwischendurch passiert, sondern von dir freigegeben wird.


Hast du für dein Pferd auch ein klares Signal zum Fressen oder zum Aufhören?

Schreib es gerne in die Kommentare.


Und wenn du Lust hast auf mehr Tipps oder dir eine Begleitung wünscht, die dich und dein Pferd sieht und euch zeigt, wie ein gemeinsamer Weg ohne Gewalt und partnerschaftlich aussehen kann, dann bist du hier genau richtig. Trag dich gerne in meinen Newsletter ein.


Ich freue mich auf dich und dein Pferd.

Herzliche Grüße

Julia



 
 
 

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