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Gelassenheitstraining mit Pferden – Zwischen Vertrauen, Führung und echter Verbindung

  • Julia Thaidigsmann
  • vor 2 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Flatterbänder bewegen sich im Wind. Ein Bällebad raschelt bei jeder Berührung. Eine Wippe kippt unter den Hufen. Ein Podest erfordert höchste Konzentration und Mut.


Was für uns unspektakulär wirkt, kann für ein Pferd eine echte Herausforderung sein.

Genau hier setzt das Gelassenheitstraining an. Es geht nicht darum, dass ein Pferd möglichst schnell oder „brav“ einen Parcours absolviert. Es geht auch nicht darum, es an alles zu gewöhnen, bis es irgendwann nichts mehr hinterfragt. Vielmehr geht es um einen gemeinsamen Prozess, in dem das Pferd lernen darf, mit neuen Situationen umzugehen – und der Mensch lernt, es dabei sinnvoll zu begleiten.


Dabei steht ein Gedanke immer im Mittelpunkt: Alles kann, nichts muss.


Raum für echte Auseinandersetzung


Ein Pferd darf schauen, zögern, sich herantasten. Es darf Fragen stellen. Und genau darin liegt der eigentliche Wert dieser Arbeit. Denn ein Pferd, das sich mit etwas auseinandersetzt, statt einfach nur "durchgeschoben“ zu werden, lernt nachhaltig.


Gleichzeitig bedeutet das aber nicht, dass der Mensch passiv bleibt. Im Gegenteil. Es braucht ein feines Gespür dafür, wann es sinnvoll ist, einen kleinen Impuls zu setzen. Wann es angebracht ist, dem Pferd zu sagen: „Schau dir das bitte genauer an.“ Und genauso wichtig ist der Moment, in dem man nachgibt, wartet und dem Pferd Zeit lässt, das Erlebte zu verarbeiten. Sich Zeit nehmen und Geduld haben ist elementar wichtig bei diesem Training.


Die feine Linie zwischen Druck und Nachgeben


Diese Balance ist oft der schwierigste Teil. Zu viel Druck führt schnell zu Stress oder Widerstand. Zu wenig Führung kann dazu führen, dass das Pferd sich orientierungslos fühlt oder Situationen vermeidet. Dazwischen liegt ein schmaler Bereich, in dem echtes Lernen möglich wird.


Und genau hier zeigt sich auch, wie sehr Gelassenheitstraining eigentlich ein Training auch für den Menschen ist, nicht nur für das Pferd. Wie viel kann ich meinem Pferd zutrauen bevor es überfordert ist. Wann muss ich Druck raus nehmen? Wann darf ich es einfach mal machen lassen. Das ist kein Training, bei dem wir einfach nur mitlaufen und unser Pferd machen lassen.


Der Mensch als Spiegel


Pferde reagieren unglaublich fein auf Körpersprache, innere Anspannung und emotionale Zustände. Ein unsicherer Gedanke, ein fester Griff, ein unruhiger Atem – all das bleibt nicht unbemerkt. Wer ein Pferd durch einen solchen Parcours begleiten möchte, muss deshalb vor allem eines können: sich selbst regulieren.


Ruhe lässt sich nicht vorspielen. Klarheit auch nicht.


Die Position ist auch sehr wichtig. Es macht einen großen Unterschied, wo ein Mensch steht, wie er sich bewegt und mit welcher inneren Haltung er an ein Hindernis herangeht. Für das Pferd entsteht daraus ein Gesamtbild, an dem es sich orientiert – oder eben nicht.


Wenn Vertrauen sichtbar wird


Wenn es gelingt, diese Klarheit mit Ruhe zu verbinden, entstehen oft ganz besondere Momente. Ein Pferd, das sich zunächst unsicher zeigt, beginnt plötzlich, sich vorzutasten. Es streckt den Hals, setzt vorsichtig einen Huf nach vorne, scharrt, testet, findet Vertrauen, hält inne, überlegt – und entscheidet sich schließlich, weiterzugehen.


Solche Momente lassen sich nicht erzwingen. Aber man kann den Raum dafür schaffen.


Mehr als nur Kopfarbeit


Nach einem Durchgang durch den Parcours wird oft deutlich, wie viel eigentlich passiert ist. Viele Pferde wirken müde, aber gleichzeitig zufrieden. Ich finde es auch immer wunderbar, wenn ich merke, wie die Pferde stolz sind, wenn sie etwas bewältigt haben. Oder der Blick von manchen, wenn Sie oben auf dem Podest stehen. Als würden sie sagen: "Schau mal, wie groß ich jetzt bin". Manchmal stehen sie auf einem Hindernis und bleiben plötzlich stehen und hören in ihren Körper hinein. Das sieht oft aus, als würden sie gleich einschlafen. Die Ohren leicht nach hinten, die Augen halb geschlossen und die Lippe wackelt leicht. Dann weiß ich, es tut sich gerade sehr viel innen drin. Diese Momente sind sehr wertvoll. Manche fangen auch auf einem Hindernis an zu gähnen. Das ist dann meist ein Zeichen, dass es so langsam Zeit wird aufzuhören oder eine längere Pause einzulegen.


Auch der Mensch spürt häufig, wie viel Konzentration und Präsenz dieser gemeinsame Weg erfordert hat.


Denn Gelassenheitstraining fordert nicht nur mental, sondern auch körperlich.

Gerade die unterschiedlichen Untergründe und Hindernisse verlangen dem Pferd einiges ab. Es muss seine Beine bewusst setzen, das Gleichgewicht neu organisieren und Bewegungen ausführen, die im Alltag so nicht vorkommen. Viele Pferde tun sich damit zunächst schwer, weil ihnen die Körperwahrnehmung für solche Aufgaben fehlt und auch die Koordination der einzelnen Beine.


Aus diesem Grund biete ich solche Trainings auch gerne über zwei Tage an. Dann gibt es keinen Zeitdruck alles in einer Einheit zu probieren. Die Pausen zwischendrin sind wichtig, um zu verarbeiten. Und im zweiten oder dritten Durchgang funktionieren Übungen oder Hindernisse, die am Anfang noch undenkbar gewesen wären.


Bewegung, Körpergefühl und innere Veränderung


Mit der Zeit kann sich genau hier viel verändern. Die Bewegungen werden koordinierter, das Pferd beginnt, seinen Körper differenzierter einzusetzen. Auch die faszialen Strukturen – also das Bindegewebe, das den gesamten Körper durchzieht – reagieren auf diese Art von Bewegung. Spannungen können sich lösen, neue Bewegungsmuster entstehen.


So wird aus einem scheinbar einfachen Parcours eine intensive Erfahrung auf mehreren Ebenen.


Mein Fazit


Am Ende geht es nicht um das einzelne Hindernis. Nicht um die Wippe, das Bällebad oder die Plane. Es geht um das, was dazwischen entsteht: Kommunikation, Vertrauen und die Fähigkeit, gemeinsam mit neuen Situationen umzugehen.


Gelassenheit lässt sich nicht erzwingen. Aber sie kann wachsen. Und Körperbewusstsein entsteht nicht auf immer den selben weichen Böden, sondern auf verschiedenen Untergründen und in der Bewegung. Und sie entsteht durch Wiederholung.


Übungstipp:


Ich weiß, diese Art von Hindernissen hat nicht jeder im Stall.


Aber du kannst ab und zu einfach mal quer durch den Wald laufen. Oder im Gelände einen etwas steileren Berg hinunterführen. Das würde ich nicht reiten, sondern absteigen, das ist besser für die Gelenke. Oder auch einen steilen Berg hinauf reiten.


In der Halle kannst du zum Beispiel ein paar Stangen wie beim Mikadospiel aufbauen. Dann lass dein Pferd ganz langsam durch und drüber laufen. Dabei muss dein Pferd auch ganz gezielt und bewusst seine Beine setzten.


Und wenn du Lust hast auf einen Gelassenheitsparcours bei dir am Stall, dann schreib mir gerne. Wenn genügend Teilnehmer zusammenkommen, dann komme ich zu euch und baue das auch bei dir auf.


Ich freue mich auf dich und dein Pferd.

Herzliche Grüße

Julia



 
 
 

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