„Arbeit“ mit Pferden – oder doch lieber Spiel, Lernen und gemeinsame Zeit?
- Julia Thaidigsmann
- vor 3 Tagen
- 5 Min. Lesezeit

„Ich gehe jetzt mit meinem Pferd arbeiten.“
„Heute steht noch Arbeit auf dem Platz an.“
„Wir müssen noch arbeiten.“
Solche Sätze höre ich oft – und wahrscheinlich sagen wir sie selbst ganz selbstverständlich. Das sagen ja alle anderen ja auch so.
Doch hast du dich schon einmal gefragt, was dieses Wort eigentlich mit uns macht?
Worte erschaffen Wirklichkeit
Unser Mindset entscheidet maßgeblich darüber, wie die Zeit mit unseren Pferden verläuft. Ob es eine harmonische Einheit wird oder ob sich alles zäh und schwer anfühlt. Ob das Pferd mit uns "arbeitet" – oder innerlich gegen uns. Und genau hier beginnt es: in unserem Kopf.
Das Wort „Arbeit“ ist in unserer Gesellschaft selten positiv besetzt. Was grundsätzlich schade ist, aber das ist ein anderes Thema. Aber für viele bedeutet Arbeit:
Anstrengung
Druck
Müssen
Funktionieren
Durchhalten bis Freitag
Viele Menschen gehen montags arbeiten und freuen sich bereits auf das Wochenende. Manche freuen sich morgens schon auf den Feierabend. Arbeit ist häufig etwas, das „geschafft“ werden muss.
Wenn wir also sagen: „Ich gehe jetzt mit meinem Pferd arbeiten“, welche Energie schwingt da unbewusst mit?
Die Energie hinter dem Wort
Worte transportieren Gefühle. Und Gefühle übertragen sich – besonders auf Pferde.
Wenn „Arbeit“ für uns etwas Schweres ist, dann fühlt sich auch die gemeinsame Zeit schnell schwer an. Dann gehen wir vielleicht mit einer inneren Anspannung auf den Platz. Mit einem „Heute müssen wir aber…“.
Pferde reagieren fein auf unsere innere Haltung:
Bin ich ruhig und klar?
Bin ich entspannt?
Habe ich eine positive, einladende Energie?
Oder stehe ich unter Druck?
Das Training hängt zu einem großen Teil nicht von der Übung ab – sondern von unserem inneren Zustand.
Heute muss ich wieder...
Vor einiger Zeit hatte ich mich mit einer Frau am Reitplatz unterhalten. Sie schaute auf ihr Pferd, seufzte tief und sagte: „Heute muss ich wieder Bodenarbeit mit meinem Pferd auf dem Platz machen.“ Dabei zog sie ein richtig gequältes Gesicht.
Kurz darauf ergänzte sie: „Und mein Pferd hat da immer überhaupt keine Lust drauf.“
Bei dieser Aussage wurde für mich wieder einmal so vieles Sichtbar.
Wie soll das Pferd Lust auf etwas haben, auf das wir selbst überhaupt keine Lust haben?
Lust ist ansteckend – Unlust auch
Wenn ich als Mensch ein Thema innerlich ablehne, wenn ich es als Pflicht sehe, wenn ich es als „ätzend“ empfinde – warum sollte mein Pferd das anders wahrnehmen?
Pferde folgen nicht unseren Trainingsplänen. Sie folgen unserer Energie.
Gehe ich neugierig hinein, mit Freude am Entdecken, mit dem Gedanken: „Komm, wir probieren heute etwas Neues aus.“ – dann verändert sich die Atmosphäre sofort.
Gehe ich mit dem Gefühl auf den Platz:
„Ich muss das jetzt noch erledigen.“
„Das steht heute eben an.“
„Eigentlich habe ich gar keine Lust.“
… dann bringe ich genau diese Energie mit.
Und Pferde nehmen Energie feiner wahr als jedes gesprochene Wort.
Wenn wir schon mit innerer Unlust an ein Thema herangehen, dann kann daraus kaum etwas Leichtes entstehen. Wenn ich innerlich im Widerstand bin, wird auch mein Pferd in Widerstand gehen. Wenn ich Schwere mitbringe, wird es sich schwer anfühlen. Wenn ich genervt bin, wird die Einheit mühsam.
Das ist kein Zufall. Das ist Spiegelung.
Entwicklung braucht Herausforderung – aber keine Schwere
Natürlich bedeutet Entwicklung auch, die Komfortzone zu verlassen. Lernen beginnt dort, wo es ein bisschen unbequem wird. Manchmal gehen wir an Grenzen – manchmal auch ein Stück darüber hinaus.
Ohne Herausforderung gibt es keine Weiterentwicklung. Das gilt für uns genauso wie für unsere Pferde.
Doch Herausforderung muss nicht gleichbedeutend mit Schwere sein.
Es darf leicht sein. Es darf neugierig sein. Es darf Spaß machen.
Was wäre, wenn wir es „Spielen“ nennen?
Ich sage zu meinem Pferd lieber:
„Komm, lass uns ein bisschen spielen.“
Oder: „Komm, wir haben jetzt eine schöne Zeit zusammen.“
„Lass uns etwas Neues entdecken.“
Auch das Wort „Lernen“ ist nicht bei allen positiv besetzt – viele verbinden es mit Schule, Druck oder Bewertung. Auch das ist schade, aber auch das ist ein anderes Thema. Doch das Mindset dahinter ist häufig trotzdem ein anderes als beim Begriff „Arbeit“.
Lasst es uns spielen nennen, lasst uns wieder wie die Kinder sein, wenn wir mit unseren Pferden zusammen sind.
Spielen bedeutet:
Ausprobieren
Fehler machen dürfen
Neugierig sein
Freude am Prozess haben
Gemeinsam wachsen
Und genau das wollen wir doch eigentlich mit unseren Pferden.
Mit- statt Gegeneinander
Wenn wir innerlich auf „Arbeit“ eingestellt sind, neigen wir manchmal dazu, Ergebnisse erzwingen zu wollen. Wenn wir innerlich auf „Spiel“ eingestellt sind, entsteht Kooperation.
Pferde arbeiten nicht für einen Freitagabend. Sie leben im Moment.
Vielleicht dürfen wir uns hier ein Stück an ihnen orientieren.
Was wäre, wenn wir die Zeit mit unseren Pferden nicht als „Arbeit“, sondern als gemeinsame Entwicklung sehen?
Als Begegnung.
Als Dialog.
Als Spiel mit Lernmomenten.
Mein Fazit
Oft wird gerade die Bodenarbeit negativ besetzt.
„Schon wieder nur führen.“
„Heute muss ich longieren.“
„Wir machen halt Platzarbeit.“
Aber Bodenarbeit ist so viel mehr als von A nach B führen oder Kreise laufen lassen.
In meinen Kursen erkläre ich es immer so:
Feine Bodenarbeit – bei der man kaum sichtbare Hilfen braucht, bei der Kommunikation über Energie, tiefes Verständnis und Vertrauen funktioniert –ist für mich wie Reiten ohne Sattel und nur mit Halsring.
Es ist ein Dialog auf einer unglaublich feinen Ebene.
Ein Hauch von Körpersprache. Ein Gedanke. Ein gemeinsamer Atemrhythmus.
Und genau das macht so unfassbar viel Spaß.
Übungstipp: Eine Einladung zum Umdenken
Überprüfe bei deiner nächsten Einheit mit deinem Pferd mit welchem Mindset du hineingehst. Hast du Lust auf das, was jetzt kommt? Oder fühlt es sich schon vorher für dich mühsam an.
Vielleicht geht es nicht darum, das Wort „Arbeit“ komplett zu verbannen. Sondern darum, uns bewusst zu machen, welche Haltung dahintersteht.
Frag dich beim nächsten Mal:
Mit welcher Energie betrete ich den Platz?
Möchte ich etwas „abarbeiten“?
Oder möchte ich meinem Pferd wirklich begegnen?
Unsere Pferde spiegeln uns ehrlich. Wenn wir Leichtigkeit ausstrahlen, entsteht oft Leichtigkeit. Wenn wir Druck mitbringen, entsteht Widerstand.
Vielleicht sagen wir künftig öfter: „Komm, wir verbringen jetzt wertvolle Zeit miteinander.“ „Lass uns etwas Neues entdecken.“
helping_horseman prägt da einen schönen Begriff: Lasst uns mit unseren Pferden Abenteuer erleben. Dieses Bild gefällt mir sehr gut.
Und vielleicht verändert das mehr, als wir denken.
Denn Pferde arbeiten nicht auf ein Wochenende hin. Sie leben im Moment.
Vielleicht dürfen wir uns ein Stück davon abschauen.
Möchtest du auch gerne Abenteuer mit deinem Pferd erleben? Interessiert es dich, wie Leichtigkeit vom Boden aus gelingen kann? Möchtest du Lernen, vom Boden leicht und fein mit deinem Pferd zu kommunizieren?
Ich unterstütze dich sehr gerne auf deinem Weg, wenn du magst.
Ich freue mich auf dich und dein Pferd.
Herzliche Grüße
Julia







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