Konzentriere dich auf Fortschritte, nicht auf Defizite

Warum dein Blick auf das, was schon gut läuft, mehr verändern kann, als du vielleicht denkst.
Kennst du das auch?
Du kommst aus dem Stall, hast mit deinem Pferd etwas gemacht und denkst darüber nach, wie das Training gelaufen ist. Eigentlich war vieles gut. Dein Pferd war aufmerksam, hat sich bemüht, vielleicht sogar etwas geschafft, was vor ein paar Wochen noch schwierig war.
Aber was bleibt dir im Kopf?
Die eine Übung, die nicht funktioniert hat. Der Moment, in dem dein Pferd unkonzentriert war. Oder die Tatsache, dass ihr eigentlich schon viel weiter sein wolltet.
Und plötzlich fühlt sich ein Training, in dem ganz viel Gutes passiert ist, gar nicht mehr so erfolgreich an. Weil wir oft auch genau an dieser Stelle das Training abbrechen.
Warum wir so schnell sehen, was noch nicht funktioniert
Ich glaube, dass wir diesen Blick auf Fehler und Defizite schon sehr früh lernen.
Denk nur einmal an unsere Schulzeit zurück. Du hast einen Aufsatz geschrieben, vielleicht drei Seiten lang. Du hast dir Gedanken gemacht, dir Mühe gegeben und viele Dinge richtig gemacht. Und was siehst du, wenn du den Aufsatz zurückbekommst?
Die rot unterstrichenen Fehler. Nicht die vielen Wörter, die richtig geschrieben waren. Nicht die Sätze, die gut gelungen sind. Sondern die Stellen, an denen etwas falsch war.
Natürlich ist es wichtig, Fehler zu erkennen. Schließlich wollen wir lernen und uns weiterentwickeln. Aber wenn wir immer nur darauf schauen, was noch nicht funktioniert, verlieren wir irgendwann den Blick für all das, was wir schon können.
Und genau das passiert uns auch im Umgang mit unseren Pferden.
Wir sehen, dass unser Pferd noch nicht entspannt am Anhänger steht. Dass es sich beim Reiten noch nicht richtig ausbalancieren kann. Dass es bei der Bodenarbeit noch manchmal abgelenkt ist oder auf ein Signal nicht so reagiert, wie wir es uns wünschen.
Aber wie oft nehmen wir uns bewusst die Zeit, all das wahrzunehmen, was inzwischen ganz selbstverständlich funktioniert?
Worauf wir unseren Fokus richten, bekommt mehr Aufmerksamkeit
Unser Gehirn kann nicht alles gleichzeitig mit derselben Aufmerksamkeit wahrnehmen. Deshalb filtert es ständig, was für uns gerade wichtig erscheint. Wenn du mit dem Gedanken ins Training gehst, dass dein Pferd heute bestimmt wieder unkonzentriert sein wird, wirst du vermutlich jeden kleinen Moment der Ablenkung besonders deutlich wahrnehmen.
Die vielen Augenblicke, in denen dein Pferd aufmerksam bei dir war, geraten dagegen leicht in den Hintergrund.
Wenn du aber bewusst darauf achtest, wann dein Pferd sich dir zuwendet, wann es eine kleine Verbesserung zeigt oder wann eine Übung ein bisschen leichter gelingt, wirst du plötzlich ganz andere Dinge entdecken.
Du findest häufiger das, wonach du suchst.
Das bedeutet natürlich nicht, dass Schwierigkeiten verschwinden, nur weil wir nicht mehr auf sie achten. Aber es macht einen großen Unterschied, ob wir unser Pferd ständig durch die Brille seiner vermeintlichen Defizite betrachten oder ob wir erkennen, welche Fähigkeiten es bereits entwickelt hat.
Und dieser Unterschied bleibt nicht nur in unserem Kopf.
Dein Pferd spürt deine innere Haltung
Unsere Pferde können unsere Gedanken nicht lesen. Aber sie nehmen sehr genau wahr, wie wir uns verhalten. Unsere Körpersprache, unsere Bewegungen, die Spannung in unserem Körper, unsere Stimme und die Art, wie wir Signale geben, verändern sich oft mit unserer Stimmung. Wenn du ständig das Gefühl hast, dass dein Pferd noch mehr leisten müsste, dass eine Übung endlich funktionieren sollte oder dass ihr eigentlich schon weiter sein müsstet, kann sich diese Unzufriedenheit auch in deinem Verhalten zeigen.
Vielleicht wirst du ungeduldiger. Vielleicht gibst du deine Signale schneller hintereinander. Vielleicht lässt du deinem Pferd weniger Zeit, eine Aufgabe zu verstehen. Oder du übersiehst einen guten Versuch, weil du gedanklich schon beim nächsten Schritt bist.
Und dein Pferd reagiert darauf.
Nicht, weil es weiß, dass du unzufrieden mit seiner Leistung bist. Sondern weil sich die Atmosphäre im Training verändert.
Aus einem gemeinsamen Lernen kann unbemerkt ein ständiges Fordern werden.
Dabei brauchen unsere Pferde gerade beim Lernen das Gefühl, dass sie etwas richtig machen können. Dass ihre Bemühungen wahrgenommen werden. Dass sie Zeit bekommen, Dinge zu verstehen und auszuprobieren.
Ein Pferd, das immer wieder die Erfahrung macht, dass seine kleinen richtigen Antworten erkannt und bestätigt werden, bekommt Orientierung und kann mit mehr Sicherheit lernen.
Und genau deshalb ist unser eigener Blick auf Fortschritte so wichtig.
Schau doch einmal zurück, statt immer nur nach vorne
Ich möchte dich zu einem kleinen Gedankenexperiment einladen. Erinnere dich einmal an die Zeit, als dein Pferd ganz neu bei dir war. Vielleicht war es damals schwierig, es von der Koppel zu holen. Vielleicht war es beim Putzen unruhig. Vielleicht konnte es noch nicht entspannt neben dir laufen oder war in fremden Situationen schnell aufgeregt.
Und wie ist das heute?
Vielleicht kommt dein Pferd inzwischen schon auf dich zu, wenn es dich sieht.
Vielleicht steht es ganz selbstverständlich ruhig am Putzplatz. Vielleicht könnt ihr gemeinsam Situationen meistern, die früher für euch beide eine große Herausforderung waren. Vielleicht versteht dein Pferd inzwischen kleinste Signale von dir, für die du früher viel deutlicher werden musstest. All diese Dinge sind irgendwann ganz normal geworden. Und genau darin liegt manchmal das Problem.
Was heute selbstverständlich ist, war irgendwann einmal ein Fortschritt.
Weil wir uns so schnell an Verbesserungen gewöhnen, vergessen wir oft, wie viel wir bereits gemeinsam erreicht haben. Wir vergleichen unseren heutigen Stand mit dem, was wir morgen gerne können möchten. Aber viel zu selten vergleichen wir ihn mit dem Punkt, an dem wir einmal angefangen haben.
Dabei kann gerade dieser Blick zurück unglaublich wertvoll sein. Dann erkennen wir, was unser Pferd schon gelernt hat und wir erkennen, wie sehr wir uns auch selbst weiterentwickelt haben. Wie viel besser wir unser Pferd inzwischen verstehen. Wie viel feiner unsere Kommunikation geworden ist. Wie viel Vertrauen zwischen uns entstanden ist. Das sind Fortschritte, die sich nicht immer in einer perfekt ausgeführten Übung zeigen.
Die kleinen Fortschritte sind oft die wichtigsten
Manchmal erwarten wir, dass Fortschritt etwas Großes sein muss. Dass unser Pferd endlich problemlos in den Anhänger steigt. Dass es eine schwierige Übung vollständig beherrscht. Dass ein Problem, an dem wir schon lange arbeiten, endlich verschwunden ist. Aber Entwicklung passiert meistens nicht in diesen großen Sprüngen, sondern in vielen kleinen Schritten.
Vielleicht ist dein Pferd heute nur einen Schritt näher an den Anhänger herangetreten.
Vielleicht hat es sich nach einer aufregenden Situation schneller wieder entspannen können. Vielleicht hat es bei einer schwierigen Übung zum ersten Mal kurz innegehalten, statt sofort auszuweichen. Oder vielleicht hast du selbst heute früher erkannt, dass dein Pferd eine Pause braucht, und entsprechend reagiert.
Auch das ist ein Fortschritt.
Beim Training geht es nicht immer nur darum, was dein Pferd lernt, es geht auch genauso darum, wie du lernst, dein Pferd besser zu verstehen und angemessen auf seine Bedürfnisse zu reagieren. Gerade diese kleinen Veränderungen bilden oft die Grundlage für alles, was später möglich wird. Und wenn wir sie übersehen, nehmen wir uns selbst und unserem Pferd viele wertvolle Erfolgserlebnisse.
Fortschritte sehen bedeutet nicht, Schwierigkeiten zu ignorieren
Mir ist dabei eines ganz besonders wichtig: Sich auf Fortschritte zu konzentrieren bedeutet nicht, dass wir alles schönreden oder Schwierigkeiten einfach ausblenden sollen.
Natürlich dürfen wir Ziele haben. Natürlich brauchen wir einen Plan für unser Training. Wir müssen erkennen können, wo unser Pferd noch Unterstützung braucht, welche körperlichen Voraussetzungen vielleicht noch fehlen und welche Übungen wir anders aufbauen sollten.
Aber es macht einen Unterschied, mit welcher Haltung wir das tun.
Wir können sagen:
„Mein Pferd kann das immer noch nicht. Warum funktioniert das denn nicht endlich?“
Oder wir können uns fragen:
„Was klappt inzwischen schon besser? Wo genau liegt die Schwierigkeit noch? Und welcher kleine nächste Schritt könnte meinem Pferd helfen?“
Im zweiten Fall bleiben wir handlungsfähig.
Wir betrachten eine Schwierigkeit nicht als persönliches Versagen unseres Pferdes oder als Beweis dafür, dass wir etwas falsch machen. Sondern als Information, die uns hilft, unser Training sinnvoll weiterzuentwickeln. Ein guter Trainingsplan hat deshalb für mich immer zwei Blickrichtungen:
Nach vorne: Was möchten wir gemeinsam erreichen? Welche kleinen Schritte sind dafür notwendig?
Nach hinten: Was haben wir bereits geschafft? Was funktioniert inzwischen gut? Worauf können wir aufbauen?
Beides gehört zusammen. Denn Entwicklung braucht Ziele. Aber sie braucht genauso die Wertschätzung für den Weg, den wir bereits gegangen sind.
Was sich verändert, wenn du das Gute bewusster wahrnimmst
Vielleicht wirst du feststellen, dass du nach dem Training zufriedener bist und weniger das Gefühl hast, ständig noch etwas erreichen zu müssen.
Vielleicht wirst du geduldiger, weil du erkennst, dass dein Pferd durchaus Fortschritte macht, auch wenn sie manchmal kleiner sind, als du es dir gewünscht hast.
Vielleicht wirst du auch aufmerksamer für die leisen Signale deines Pferdes und erkennst schneller, wann es etwas verstanden hat.
Und vielleicht verändert sich dadurch auch die Atmosphäre zwischen euch.
Denn wenn du kleine Fortschritte bewusst wahrnimmst, kannst du sie im richtigen Moment bestätigen. Du gibst deinem Pferd mehr Orientierung und schaffst häufiger Situationen, in denen Lernen gelingt. Das bedeutet nicht, dass jedes Training harmonisch sein wird oder dass es keine Rückschritte mehr gibt. Auch schlechte Tage gehören dazu, bei deinem Pferd genauso wie bei dir. Aber ein einzelner schwieriger Tag sagt noch lange nichts darüber aus, wie weit ihr gemeinsam gekommen seid.
Fortschritt ist nicht, wenn immer alles funktioniert. Fortschritt ist, wenn sich über die Zeit etwas entwickelt.
Und manchmal ist der größte Fortschritt gar nicht beim Pferd zu finden, sondern bei uns selbst. Wenn wir lernen, weniger zu erwarten und genauer hinzuschauen. Wenn wir erkennen, dass eine Pause manchmal wertvoller ist als eine weitere Wiederholung.
Oder wenn wir nach einem Training sagen können:
„Heute war nicht alles perfekt. Aber wir haben wieder etwas dazugelernt.“
Meine kleine Übung für dich: Drei Dinge, die heute gut waren
Ich möchte dich einladen, beim nächsten Training einmal ganz bewusst deinen Blick zu verändern.
Nimm dir nach dem Training zwei Minuten Zeit und beantworte dir drei Fragen:
Was hat mein Pferd heute gut gemacht? Auch wenn es nur eine Kleinigkeit war.
Was habe ich heute gut gemacht? Vielleicht warst du geduldig, hast ein Signal klarer gegeben oder eine Pause im richtigen Moment gemacht.
Was funktioniert heute schon ganz selbstverständlich, das vor einigen Wochen oder Monaten noch schwierig war?
Versuche, diese Fragen zu beantworten, bevor du darüber nachdenkst, was beim nächsten Mal besser laufen soll. Du wirst vielleicht überrascht sein, wie viel Positives du entdeckst, wenn du dir bewusst Zeit dafür nimmst. Und wenn du danach überlegst, was ihr als Nächstes lernen möchtet, dann suche dir nur einen kleinen, gut erreichbaren Schritt aus. Nicht zehn Dinge, die noch nicht funktionieren, sondern einen nächsten Schritt, der auf dem aufbaut, was ihr schon könnt.
Nimm deinen neuen Blickwinkel mit in den Stall
Damit dieser Gedanke nicht nur beim Lesen bleibt, sondern dich auch im Alltag mit deinem Pferd begleitet, habe ich zwei kleine Checklisten für dich vorbereitet. Sie helfen dir dabei, deine Aufmerksamkeit bewusster auf eure Fortschritte zu richten, das bereits Erreichte sichtbar zu machen und mit einem positiven, realistischen Blick auf euer nächstes Trainingsziel zu schauen. Du kannst sie dir ausdrucken, mit in den Stall nehmen und immer wieder ausfüllen. Gerade an Tagen, an denen du das Gefühl hast, dass ihr überhaupt nicht vorankommt, kann es unglaublich hilfreich sein, noch einmal nachzulesen, was ihr bereits alles geschafft habt.
Hier kannst du dir den Reflexionsbogen und die Trainingserfolgs-Checkliste kostenlos herunterladen:
Und vielleicht erinnerst du dich beim nächsten Training an diesen einen Gedanken:
Schau nicht nur darauf, wie weit der Weg noch ist. Schau auch immer wieder zurück, wie weit ihr schon gemeinsam gekommen seid.
Denn eine gute Beziehung zu deinem Pferd entsteht nicht erst dann, wenn ihr eure Ziele erreicht habt. Sie entwickelt sich auf jedem einzelnen Schritt dorthin.
Deine Julia von Horse-Love









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