Mehr Bauchgefühl, weniger Stimmen im Kopf: Finde deinen eigenen Weg mit deinem Pferd

Du schaust dir ein Video an, liest einen Beitrag oder hörst einer Unterhaltung im Stall zu. Eigentlich möchtest du nur eine Anregung mitnehmen. Doch hinterher bist du unsicherer als vorher.
Machst du genug? Machst du es richtig? Musst du konsequenter sein, noch genauer hinschauen oder dein Training ganz anders aufbauen?
Wir können heute fast überall Wissen konsumieren. Für jede Frage gibt es unzählige Antworten – und oft widersprechen sie sich. Gerade wenn uns das Wohl unseres Pferdes am Herzen liegt, möchten wir möglichst viel verstehen. Wir wollen nichts übersehen und keine Fehler machen.
Dabei entsteht schnell das Gefühl:
Ich weiß noch nicht genug. Wenn ich noch mehr lerne, wird es endlich besser.
Aber wird es das immer? Oder überhören wir zwischen all den fremden Stimmen irgendwann unsere eigene?
Du darfst deiner Wahrnehmung vertrauen
Du kennst dein Pferd aus eurem gemeinsamen Alltag. Du erlebst es an guten Tagen, an müden Tagen und in Situationen, in denen ihm etwas schwerfällt. Du kennst seine Gewohnheiten, seine kleinen Veränderungen und die Momente, in denen es Freude an eurer gemeinsamen Arbeit hat.
Vielleicht bemerkst du schon an einer feinen Bewegung seiner Nüstern, dass ihm gerade etwas zu viel wird. Vielleicht spürst du, dass es heute einen kleineren Schritt braucht, obwohl dieselbe Übung gestern problemlos geklappt hat. Vielleicht weißt du, dass nach dieser einen guten Wiederholung der richtige Zeitpunkt zum Aufhören gekommen ist.
Diese Wahrnehmung ist wertvoll. Sie muss nicht erst von einem Trainer, einem Video oder einer Stallkollegin bestätigt werden, damit du sie ernst nehmen darfst.
Natürlich können wir uns auch täuschen. Ein Blick von außen kann uns etwas zeigen, das wir selbst noch nicht erkannt haben. Trotzdem bringst du etwas mit, das kein allgemeiner Trainingstipp ersetzen kann: deine Erfahrung mit genau diesem Pferd.
Auch du gehörst zu eurer Beziehung
Beim Nachdenken über das richtige Training richten wir den Blick häufig fast ausschließlich auf unser Pferd. Dabei bist du genauso Teil eurer gemeinsamen Zeit.
Wie fühlst du dich heute? Wie viel Geduld hast du gerade? Kannst du ruhig erklären, wenn etwas nicht gleich funktioniert? Oder bist du müde, angespannt und gedanklich noch ganz woanders?
Niemand kann dir von außen besser sagen, wie viel du heute leisten kannst, als du selbst. Vielleicht passt heute eine kleine, vertraute Aufgabe. Vielleicht ein Spaziergang. Vielleicht ist es auch einfach schön, dein Pferd zu putzen und Zeit miteinander zu verbringen.
Du darfst solche Entscheidungen treffen, ohne dich dafür rechtfertigen zu müssen. Eure Beziehung besteht aus mehr als gelungenen Übungen und sichtbaren Fortschritten.
Wissen soll dir helfen, dich sicherer zu fühlen
Ich finde es wichtig, dazuzulernen, Fragen zu stellen und das eigene Handeln zu überdenken. Auch ich schaue mir unterschiedliche Ansätze an und nehme Anregungen mit.
Schwierig wird es, wenn jede neue Information dazu führt, dass wir unserer eigenen Wahrnehmung weniger vertrauen.
Dann stehen wir irgendwann neben unserem Pferd und haben im Kopf zehn verschiedene Trainer, fünf mögliche Erklärungen und die Kommentare aus dem letzten Instagram-Beitrag. Wir überlegen so lange, was richtig sein könnte, dass wir kaum noch mitbekommen, was gerade zwischen uns und unserem Pferd passiert.
Vielleicht braucht dein Pferd in diesem Moment eine Pause. Vielleicht eine verständlichere Aufgabe. Vielleicht darfst du dich selbst erst einmal sammeln.
Dafür musst du nicht immer alles bis ins kleinste Detail erklären können. Manchmal reicht es, wahrzunehmen: So fühlt es sich gerade nicht gut an. Ich verändere etwas.
Wohin richtet sich dein Blick?
Wenn wir ständig nach Schwierigkeiten suchen, können sie irgendwann unsere gesamte Wahrnehmung bestimmen. Wir sehen dann vor allem, was noch nicht klappt. Was körperlich besser sein könnte. Wo unser Pferd möglicherweise angespannt ist. Und übersehen dabei leicht, wie viel sich bereits entwickelt hat.
Das bedeutet nicht, dass wir Beschwerden oder deutliche Veränderungen ignorieren sollten. Wenn etwas auffällig ist, braucht es eine fachliche Abklärung. Aber nicht jede gemeinsame Minute muss zu einer Untersuchung werden.
Du darfst auch sehen, dass dein Pferd heute gerne mitkommt. Dass es neugierig eine Aufgabe ausprobiert. Dass ihr euch besser versteht. Dass du lachen musstest, weil es eine ganz eigene Idee hatte.
Auch das verdient deine Aufmerksamkeit.
Du musst nicht jeder Meinung folgen
„Du musst dich einfach mehr durchsetzen.“
Vielleicht hast du diesen Satz schon oft gehört. Und vielleicht spürst du gleichzeitig ganz deutlich, dass mehr Druck euch gerade nicht weiterhilft. Du darfst diesem Gefühl nachgehen. Du darfst eine Pause machen, eine Aufgabe kleiner aufbauen oder dir Unterstützung suchen, die zu deinen Werten passt.
Genauso darfst du Abstand nehmen, wenn dir das Internet plötzlich in jedem Pferd dieselbe Problematik zeigt – ob es um Verhalten oder um Begriffe wie Trageerschöpfung geht.
Ein Beitrag kann ein Anlass sein, genauer hinzuschauen. Ob seine Erklärung zu deinem Pferd passt, lässt sich daraus allein nicht ableiten. Du musst nicht jeden Rat umsetzen. Du darfst prüfen, nachfragen und entscheiden, was euch hilft.
Lass wieder mehr Freude zu
Ich wünsche mir, dass wir mit unseren Pferden wieder öfter einfach gemeinsam etwas ausprobieren. Dass wir neugierig bleiben, kleine Erfolge genießen und nicht jeden Moment sofort bewerten.
Du musst nicht vor jeder Einheit alle Antworten haben. Du darfst einen Plan mitbringen und ihn verändern. Du darfst merken, dass heute etwas anderes passt. Und du darfst nach einer schönen gemeinsamen Erfahrung aufhören, auch wenn auf deiner inneren Liste noch etwas offensteht.
Lernen bleibt wichtig, hinschauen aber auch. Aber gib deinem Gefühl und deiner eigenen Wahrnehmung wieder einen Platz neben all dem Wissen.
Geh deinen Weg mit deinem Pferd. Einen Weg, auf dem du euch beide ernst nimmst und auf dem Freude genauso dazugehören darf wie Entwicklung.
Wann hast du zuletzt etwas mit deinem Pferd gemacht, weil es sich für euch beide gut angefühlt hat?
Übungsidee
Wenn du das nächste Mal bei deinem Pferd bist, lass deinen Trainingsplan für einen Moment ruhen. Nimm dir ein paar Minuten, in denen du nichts erreichen musst.
Atme in Ruhe durch und spüre zuerst bei dir selbst hinein: Wie geht es mir heute? Was bringe ich gerade mit – Ruhe, Freude, Anspannung oder Müdigkeit?
Dann schau dein Pferd an. Wie steht es da? Wohin richtet es seine Aufmerksamkeit? Wie reagiert es, wenn du dich näherst? Versuche, erst einmal nur wahrzunehmen, ohne sofort alles erklären oder bewerten zu müssen.
Frag dich anschließend: Was könnte uns beiden heute guttun?
Vielleicht fällt dir eine kleine, vertraute Übung ein. Vielleicht möchtest du gemeinsam ein paar Schritte gehen oder dein Pferd an seiner Lieblingsstelle kraulen. Probiere es aus und achte darauf, wie dein Pferd reagiert und wie du dich dabei fühlst. Du darfst deine Idee jederzeit verändern.
So gibst du deiner eigenen Wahrnehmung wieder Raum und lässt die Reaktion deines Pferdes in deine Entscheidung einfließen.
Wenn du dir dabei jemanden an deiner Seite wünschst, begleite ich dich gerne dabei, deinen eigenen Weg mit deinem Pferd zu finden und deiner Wahrnehmung mehr zu vertrauen.
Herzliche Grüße
Julia









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